Schäbig’s Business.

Die Personen und die Handlung des folgenden Beitrags sind frei erfunden.
Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten oder lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

Stuttgart, der 13.12. Obwohl sich das Jahr dem Ende zuneigt, hat sich der Winter bislang gnädig gezeigt. Die Menschheit kämpft verzweifelt gegen einen Virus. Ein Gegner, der unbarmherzig und unsichtbar ist.
Die Regierung verhängte eine Ausgangssperre, bereits seit zwanzig Minuten sollten die Stuttgarter in ihren Wohnungen sein.
Eine Tür öffnet sich.
Kalle, der Besitzer des “Igel”, eine bekannte Kneipe im Süden Stuttgarts, dreht sich nicht zur Tür. Er sortiert zum hundertsten Mal seine Gläser. Gäste hat der Igel schon lange nicht mehr gesehen. Zu gefährlich sei das Gelage in den Gasthäusern, behauptet die Landesregierung. Scheißdreck, denkt sich Kalle.
“Wir haben zu! Corona!”
Der Dielenboden knarzt unter den Schritten eines schweren Mannes.
“Zu haben wir!”, Kalle erhebt die Stimme und dreht sich nun doch um, “bist Du schwerhörig oder..” – der schwere Mann hat sich bedrohlich vor Kalle aufgebaut. Kalle lacht:”Oli! Du Grasdaggl! Sag doch ebbes..ich dachte schon da kommt wieder so’n bsoffener nei! Wolle sitzt scho hinna!”
Oli nickt lächelnd – an seinen Mundwinkeln rinnt etwas Speichel, die hohe Stirn mit den unsauber darüber gelegten Haarfransen glänzt vor Fett. Eklig, findet Kalle.

Wolle ist ein seriös dreinblickender Mann, promoviert, im gehobenen Alter. Elegant, ohne dabei geschniegelt zu werden. Dieses Jahr ist auch für ihn schwer – doch sein Gegner ist nicht unsichtbar. Aber undankbar. Dessen ist sich Wolle sicher. “Oli, gut das es so schnell geklappt hat.”
“Was ist mit der Sperrstunde? Lässt Kalle extra den Laden auf oder müsset mer weiter?”
“Bleibet no da…Muss ‘eh Ordnung macha”, nuschelt Kalle während er zwei Bier auf den Tisch stellt.
“Oli”, Wolle blickt stirnrunzelnd zu seinem Gegenüber, der sich den ersten Schluck Pils gönnt. Ein Rinnsal Bier läuft Olis Wange hinab.
Widerlich, denkt sich Wolle.
“Ich hab glaub noch nie so ein hondsdreggerden Opportunischten gesehen. Des kann der doch net machen! LÜCKENLOSE AUFKLÄRUNG”, Wolle kneift die eben noch großväterlichen Augen zusammen, “Eine Hand wäscht die andere, Oli. Wir habet dem den Weg doch erscht frei g’macht, ohne uns würde der immer noch seinen Hausmeisterservice führen, und koi Sau würd sich für den interessieren! Siesch des net au so Oli?”
“Du weischt wie ich die Sach’ seh’. Aber ich glaub den könnet mer nemme einfangen. Der meint er sei der King of Cannstatt!”
“Aber was machet mer dann? Der Pöbel steht hinter ihm – aber der muss weg! Wenn der noch vier Jahre bleibt…wenn der die Sache mit Datenscheiss weiter so übertreibt! Oli, wir müsset was machen.”
Beide blicken einige Sekunden nachdenklich auf den Tisch an dem sie sitzen. Klebrig, findet Oli. Der Kalle hat doch jetzt genug Zeit zum putzen?
“Meinscht wir sollen dem Rodelweich wieder Bescheid geben? Irgendwas über Facebook oder so? Das der ebbes macht? I kenn mich doch net aus mit dem Scheiss…”
Wolle hält frustriert blickend den Glaskrug voller Bier vor sein Gesicht. Seine prominenten Falten, die ihm sonst ein eher intelligentes Aussehen verleihen, lassen ihn nun wie einen frustrierten Basset Hound erscheinen.
“Nee, der isch verbrannt. Meinscht wir solltet mal den Frieder fragen? Vielleicht kennt der jemand, der bissl was in die Welt setzen kann..”
“Pah!”, prustend haut Wolle die flache Hand auf den Tisch (klebrig), “Frieder? Der Seggl! Dem fliegen doch seine scheissdrecks Wohnwagen scho g’nuag om’d Ohra!”
Auch Oli muss lachen. Nicht wegen Frieders Wohnwägen. Denn Frieder ist verantwortlich für Trucks. Oli lacht, weil Wolle ein seniler, alter Grasdaggl ist.
Aber dieser Grasdaggl könnte seine Rettung sein.
Er ist angewiesen auf diesen tattrigen, kleinen Wichtigtuer.
Das weiss Oli.
“Ja, der Frieder und seine Wohnwägen. Ich ruf ihn trotzdem mal an!”
“Aber sag ihm net das ich was g’sagt hab! Des bekomm ich sonscht bei der nächschten Sitzung wieder zum Höra!” Wolle lallt.
Lächerlich, findet Oli.

Das Handy klingelt.
“Welches Arschloch ruft um die Zeit…”, Frieder nimmt genervt das Handy vom gläsernen Arbeitstisch.
“Oh, Oli? Was gibt’s? Was treibsch? […] Ne, ich bin noch am schaffa. Jaja, für mich gilt die Sperre net. Polizei kennt mich ja”, Frieder grinst. “Wie kann ich Dir helfen?”
[…]
“Wolle und ich sind uns da einer Meinung. Wir müssen was tun. Wenn der die Berliner weiter macha lässt, fliegt alles auf, Frieder. Und dann sind wir alle am Arsch. Du weisch’ das es net nur um die Daten geht, Frieder.” Während Oli mit gesenkter Stimme in’s Handy spricht, blickt Wolle nachdenklich auf den Spuckrest Bier in seinem Glas. Scheiß Wohnwagenseggl, denkt er.
[….]
“Gut, dann machet mer’s so. Ich ruf den Charlie gleich an. Günni kann des nach der letzten Nummer net mer bringa, da klingeln die Alarmglocken von denen.”
Während Frieder nochmals das eben besprochene zusammenfasst, grinst Oli verschwörerisch zu Wolle und stellt den Lautsprecher an.
“Und die Uschi kann’sch da au vergessa, des Drecksblatt nimmt doch koiner mehr Ernschd. Ja, ich lass mir was einfalla. Oder er. Dafür wird er ja bezahlt!”
“Dann machen wir’s so”, Oli grinst wieder, “Frieder, Wolle wollte dir glaub no was sagen.”

“DU WOHNWAGAVERDRÄDR!”, ruft Wolle.
Gelächter an beiden Enden der Leitung.
Bleed’s Arschloch, denkt Frieder.
Die Seggl, denkt Oli.
Scheiss Alkohol, denkt Wolle.

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