Alt und wild

Von der paradoxen Vorstellung, jung und erfolgreich sein zu müssen.

Der 30.09. sollte ein gesetzlicher Feiertag im Ländle sein. Vertreten durch den heiligen Kevin, St. Alex und Timo den Großen. Vor bald 17 Jahren erreichten die „Jungen Wilden™“ (v1.0) in einem berauschenden 2-1 Heimsieg über das große Manchester United ihren gefühlten Höhepunkt.

General Magath machte in diesen Zeiten aus der Not der notorisch knappen VfB-Kasse eine Tugend, und führte Eigengewächs nach Eigengewächs in die Bundesliga-Mannschaft. Viele davon spielten sich im Kader fest und begeisterten fortan Fußball-Deutschland. Der VfB war wieder Wer, die Hoffnung war groß wie einst 1984 eine junge Mannschaft, durchzogen von lokalem Kolorit, an die Spitze der Bundesliga zu führen.

Letzteres sollte ein paar Jahre länger dauern – mit den „Jungen Wilden“ v2.0, nicht mehr ganz so jung, dafür mindestens genau so wild und mit unserem heutigen Sportvorstand an der Spitze. Unvergessen Hammer‘s Hammer zum 1:1 gegen Cottbus im letzten Heimspiel der Saison 2006/2007, gekürt durch Khediras Kopfballtor, Stuttgart war Deutscher Meister.

Nun könnte man anhand der Jahreszahlen davon ausgehen, dass aus der Tugend von 2003 ein gesundes Wachstum entstand, welches schließlich in der Meisterschaft 4 Jahre später gipfelte. Tatsächlich ist dies weit gefehlt. Zwischen diesen beiden Höhepunkten, die gefühlt deutlich weiter auseinander lagen, rutschte der Verein in einen seither gut bekannten Zyklus von Ausverkauf und Selbstfindung. Womit wir zur paradoxen Vorstellung kommen, nicht nur jung und “lokal” sein zu müssen, sondern auch im oberen Drittel der Bundesliga festgespielt zu sein.

Junge Spieler können auch erfolgreichen Fußball spielen. Doch eine Philosophie der Eigengewächse birgt naturgemäß ein deutlich höheres Risiko bei der reinen Betrachtung der tabellarischen Platzierung. Im Gegenzug winkt natürlich auch ein höheres “Return of Investment”, wenn man diese Spieler relativ günstig aus dem eigenen Leistungszentrum “heranziehen” kann um sie entweder mit großem Profit zu verkaufen oder sie im Idealfall dazu beitragen, den Verein auf einem höheren Level zu stabilisieren.

Spielt der Verein jedoch nicht auf dem höchstmöglichen (sprich: CL-Dauergast) Niveau, wird man junge und entwicklungsfähige Spieler immer an größere Teams verlieren – sei es aus sportlichen oder finanziellen Gründen. Zudem muss man davon ausgehen, dass nicht jede regionale Auswahl eine “goldene Generation” ist – im Gegenteil, meist schaffen es selbst aus starken Jugendjahrgängen nur ein oder zwei Spieler überhaupt in den Profifußball. Letztendlich ist es also die Pflicht eines Sportdirektors, gute Spieler von Außerhalb hinzu zu kaufen. Und hier kommen wir zum Anspruch des Erfolgs: Auf den ersten Blick erfolgsversprechender, da berechenbarer und risikoärmer, sind natürlich Spieler die bereits anderswo gute Leistungen vollbracht haben. 

Für eine möglichst dauerhafte Platzierung im oberen Bereich der Liga ist es also unbedingt notwendig, schwache Jahrgänge des Leistungszentrums mit Verstärkung von Außen aufzufangen.

Das Paradoxe beim VfB Stuttgart, sowohl dem Verein selbst als auch seinem Umfeld, ist dass man jedoch großen Erfolg mit sehr jungen Spielern haben möchte – fällt einer dieser Parameter ab, wird gemurrt was das Zeug hält.

So im Übrigen auch dieser Tage, als die Stuttgarter Presse über eine gewisse Unzufriedenheit des Umfelds mit Sportdirektor Mislintat zu berichten wusste. Außer dort suchte man jedoch vergeblich nach ähnlichen Berichten, weshalb schnell der Vorwurf der Stimmungsmache aufkam.

Mir wurde jedoch aus vereinsnaher Quelle ähnliches zugetragen – Mislintat wurde vorgeworfen, nur “jonge Soicher” zu verpflichten, für die Bundesliga müssten schon gestandene Spieler her, der Kader sei so schlicht nicht wettbewerbsfähig. Die Vertreter dieses Kreises hatten zwischenzeitlich schon wieder vergessen, dass beim letzten Abstieg allen voran die gestandenen Spieler enttäuschten, und selbige das Team letzte Saison nicht ansatzweise wie gewünscht stabilisieren konnte.

Interessant ist auch der Vorwurf, man würde lokalen Eigengewächsen ausländische Talente vor die Nase setzen, und so Plätze “blockieren”.

Der gemeine Schwabe hängt also im Grunde einer Art pubertären Cinderella-Story nach – der junge Häbele schafft es entgegen aller Schwierigkeiten im eigenen Verein zum Stammspieler und wird schließlich zur Vereinsikone. Dies birgt selbstverständlich maximales Identifikationspotential, ist jedoch angesichts des Anspruchsdenkens in einigen Teilen des Vereinsumfelds völlig unrealistisch.

Wir hatten dieses Häbeles natürlich auch in den letzten Jahren – sie hießen Gomez, Kuranyi, Hildebrand, Khedira. Sie alle entwuchsen dem Verein und wechselten. Die “kleinen” Häbeles, wie Rani Khedira, Sebastian Rudy, Andreas Beck, Odysseas Vlachodimos oder Joshua Kimmich wurden allesamt abgegeben, weil man ihnen nicht die Zeit zur Entwicklung und eine wichtige Rolle geben wollte – der Erfolg hat eben pressiert, und war mit erfahrenen Spielern realistischer.

Stand heute hat Sven Mislintat einen jungen Kader aufgestellt, der mit einem Durchschnittsalter von 23,75 Jahren etwa 1,5 Jahre jünger ist als der Schnitt der Bundesligisten in der Saison 2019/2020. Der Vorstand hat sich bislang öffentlich klar zum Weg der “jungen Wilden” bekannt, interpretiert dies aber offensichtlich vor allem über den Einsatz junger Spieler, weniger darin dass der Spieler in Wurfweite zum Stadion aufgewachsen sein muss. Dieser Weg wird Zeit brauchen, und stellt den gesamten Verein damit wieder vor die scheidende Zweigung: Vertraut man diesem Weg und ist bereit, den Spielern die nötige Zeit zur Entwicklung zu geben? Oder möchte man schnellen Erfolg mit möglicherweise baldigen Auftritten in Europa?

Beides gemeinsam scheint eine vorerst nahezu unmögliche Aufgabe zu sein, allen voran wenn der VfB sich nicht einer gemeinsamen Leitlinie verdingen kann.

Der VfB Stuttgart muss also mit der Tradition des hohen Anspruchs brechen, um die Tradition der jungen Wilden wieder aufleben lassen zu können.

PS: Anbei möchte ich betonen dass ich kein Vertreter der Mär des “schwierigen Umfelds” bin – große Teile der Fangemeinschaft sind demütig, geduldig und supporten den Verein zu jeder Zeit. Bedingt durch die organisatorische Aufstellung des Vereins ist dieser jedoch aus Sicht mancher Gruppierungen zum Erfolg verdammt. Dies soll jedoch Thema eines anderen Beitrags sein.

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